Stand 17.12.2018, 5.41 Uhr

Nahrungsergänzungsmittel meist wirklungslos. Verbraucher fordern Zulassungsverfahren und Verbot wirkungsloser Nahrungsergänzungsmittel

Hersteller der → Homöopathie oder Nahrungsergänzungsmittel verdienen mit ihren Produkten Millionen. Eine Wirksamkeit ist nicht erfordertlich, um ein solches Produkt auf den Markt zu bringen.

Schon 2009 berichtete die Pharmazeutische Zeitung über Nahrungsergänzungsmittel und schon damals mit der Überschrift "Viele Produkte, wenig Nutzen".

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) warnt seit Jahren: "Es ist unklar, wie die Stoffe (Nahrungsergänzungsmittel) die Ernährung ergänzen sollen und ob unerwünschte Effekte sicher ausgeschlossen werden können".

Viele Verbraucher sind der Meinung, dass Nahrungsergänzungsmittel der Gesundheit förderlich seien. Die Verbraucherzentralen kritisieren: "Viele Anbieter von Nahrungsergänzungsmittel vermitteln Vebrauchern, sie würden ihrer Gesundheit etwas Gutes damit tun. Häufig aber sind solche Produkte Geldverschwendung, manchmal sogar gesundheitsgefährdend".

Mehr als 23.000 Notfallbehandlungen nach Einnahmen von Nahrungsergänzungsmittel

Bereits 2015 berichtete das Ärzteblatt von jährlich mehr als 23.000 Notffallbehandlungen nach Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel in den USA. Die Zahlen stammen aus Untersuchungen der Arzneibehörde FDA und der Center for Disease Control and Prevention im New England Journal of Medicine (2015;373;1531-1540).

Auch in den USA müssen Hersteller von Vitaminen und Nahrungsergänzungsmittel die Wirksamkeit ihrer Mittel nicht belegen. Die Hersteller müssen lediglich mitteilen, dass die Produkte sicher sind. Zwischen 2004 und 2012 hat die FDA mehr als 200 Produkte aus dem Verkehr gezogen.

Das Team um CDC-Mitarbeiter Andrew Geller hat die Krankenakten aus 63 Notfallaufnahmen von "Abstraktoren" untersucht. In 3.667 Fällen fanden sie Hinweise auf Einnahme von Vitaminen oder Nahrungsergänzungsmittel. Ein Fünftel davon betraf Kinder.

Vitamin D Präparate

Um das Vitamin D ist ein wahrer Hype entstanden. Unser Körper bildet Vitamin D im Sommer mithilfe der Sonneneintragung. Im Winter greifen daher viele Menschen zu Vitamin-D-Präparaten. Dabei ist das gar nicht notwendig, denn ein gesunder Mensch speichert das Vitamin D in Muskel- und Fettgewebe und greift darauf im Winter zurück.

Im Herbst 2018 warnte das Verbrauchermagazin Öko-Test vor Vitamin-D-Präparaten. Die Zeitschrift hat 21 Mittel mit Vitamin D getestet und der Nutzen der meisten sind fraglich. Von den getesteten 21 Mittel waren 16 Nahrungsergänzungsmittel — die komplett durchgefallen sind — und fünd Arzneimittel. Die Arzneimittel schnitten "gut" bis "sehr gut" ab, denn ihre Wirksamkeit sind wissenschaftlich belegt und die Dosis angemessen.

Öko-Test: "Nur wenn ein Arzt einen Vitamin-D-Mangel diagnostiziert, sind Vitamin-D-Präparate sinnvoll. Allerdings sollte man dabei zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und tatsächlichen Arzneimittel unterscheiden." Allerdings sind die hohen Verschreibungszahlen mehr als fragwürdig.

Schlimmer sind manche Nahrungsergänzungsmittel, deren Gehalte an Vitamin D aus Sicht von Öko-Test "erhöht oder stark erhöht" sind und im schlimmsten Fall zu Gesundheitsschäden führen können. Gewarnt wird vor Abtei und Telesept, die teilweise mehr als 40 µg pro Tabletten enthalten. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) empfiehlt aber maximal 20 µg.

Erkältungsmittel oft nutzlos und teuer

Seit Jahren sind auch → Erkältungsmittel in der Kritik. Oft sind die Mittelchen gegen Schnupfen und Husten nutzlos und kosten nur Geld.

Jedes Jahr geben Verbraucher in Deutschland mehrere Milliarden Euro für allerlei rezeptfreie Erkältungsmittel aus. Tendenz steigend.

Der pharmakritische Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser rät davon ab, Kombipräparate wie Grippostad C, Aspirin Complex oder Boxagrippal einzunehmen: "Das ist das Prinzip Schotschusstherapie.". Der Verbraucher glaubt, dass einer der Bestandteile wohl helfen werde.

Grippostad C enthält ein Schmerzmittel, das zu niedrig dosiert ist, um wirklich zu wirken und Vitamin C sei hier überflüssig. Weiter ist Kofferin enthalten. Das braucht ein Patient mit einer grippalen Infektion nicht.

Aspirin Complex enthält Acetylsalicylsäure. Doch das auch enthaltene Mittel, das die Nasenschleimhäute befreien soll, wirke so langsam und unsicher, dass er stattdessen eher Aspirin oder ein anderen reines Schmerzmittel empfehle.

Boxagrippal sei die gleiche Kombination wie bei Aspirin Complex, also ein Schmerzmittel und ein Schleim- und abschwellendes Mittel. Einzelne Produkte wirken besser.

Wick Medinait enthält vier Bestandteile, plus 18 Prozent Alkohol. "Das ist eine richtige Schrotschusskombination", meint der Mediziner. Er würde das Präparat nicht nehmen.

Der Mediziner rät eher Schmerzmittel und Nasentropfen als Einzelpräparate zu kaufen, was nicht nur wirksamer sondern auch günstiger sei. Im Vergleich dazu kostet eine Tagesdosis von Boxagrippal 3,77 Euro, bei Grippostad C knapp 3 Euro pro Tag, bei Aspirin Complex 5,37 Euro. Das Schmerzmittel ASS plus Nasenspray 40 Cent — dreizehnmal weniger.

Verbraucher fordern Verbot unsinniger Homöopathie

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschied 2016 in einem Grundsatzurteil, dass ein Homöopathie Hersteller für sein Produkt werden darf, obwohl dessen Nutzen sogar in der zuständigen Homöopathie Kommission verneint wird. Demnach muss das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) dem Homöopathie Hersteller Cefak die Zulassung für sein Produkt Cefamadar verlängern, obwohl es keinen Nachweis für dessen Wirksamkeit gibt. Der Hersteller Cefak darf weiter mit der Aussage werben, das Mittel unterstütze "auf natürliche und schonende Weise die Gewichtsabnahme".

Bereits 2016 forderten Politiker wie Kathrin Vogler (LINKE) oder Edgar Franke (SPD) ein Zulassungsverfahren bei Homöopathie zu überprüfen. Getan hat sich nichts. Im Gegenteil, immer mehr Hersteller drängen in den riesigen Markt mit Homöopathie und Nahrungsergänzungsmittel, ohne dass eine Wirksamkeit erforderlich ist.

Pharmaindustrie schlimmer als die Mafia

Die Pharmaindustrie bringt mit ihren Medikamenten mehr Menschen um, als die Mafia. Das sagt der dänische Mediziner Peter C. Gøtzsche und fordert ein Umdenken.

Er hat selbst für Arzneimittelhersteller gearbeitet, dann aber die Seiten gewechselt. Heute leitet er das Nordic Cochrane Center in Kopenhagen. In seinem Buch "Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität" kritisierte er die Branche.

Als Beispiele führt Gøtzsche den Medikamentenhersteller Pfizer an, der in den USA 2009 nach einem Prozess wegen der illegalen Vermarktung von Arzneimittel 2,3 Milliarden Dollar gezahlt hat. GlaxoSmithKline war 2011 sogar bereit, drei Milliarden Euro zu zahlen, um einen Prozess wegen Arzneimittelbetrug zu beenden. Bei Abbot waren es 1,5 Milliarden, Eli Lilly 1,4 Milliarden, Johnson & Johnson 1,1 Milliarden. Immer wieder fälschte man Statistiken und Studien. Im Falle von Pfizer stellten die Geschworenen 2010 fest, dass der Hersteller gegen über zehn Jahre hinweg gegen das Rico-Gesetz gegen organisierte Kriminalität verstoßen habe.

Roche hat 2009 in den USA und europäischen Ländern für mehrere Milliarden Euro und Dollar das Grippemittel Tamiflu verkauft. Allerdings hatte Roche nur einen Teil der Studien zur Wirksamkeit veröffentlicht. Nach dem öffentlichen Druck kamen nach und nach alle Studien ans Tageslicht. Am Ende zeigte sich, dass das Mittel noch weniger nutze als befürchtet, und sogar in einigen Fällen schwere Nebenwirkungen auslösen.

Erinnern wir uns an den Merck-Skandal. Der Hersteller Merck hatte das Schmerzmittel Vioxx ohne ausreichende klinische Dokumentation auf den Markt gebracht. Es zeigte sich, dass das Mittel ein Herzinfarktrisiko darstellte und zum Tod führen kann. Bevor es vom Markt genommen wurde, wurde das Mittel gegen Rückenschmerzen, bei Tennisarm oder weiteren Leiden verschrieben. Mit Paracetamol wäre es vielen Patienten besser ergangen. Dann gab es Tote. Die Food and Drug Administration (FDA) ist die US-Zulassungsbehörde. Sie schätzt in den USA könnte Vioxx bis zu 56.000 Patienten get&oouml;tet haben. Vom Gericht wurde Merck 2011 zu einer Geldstrafe von 950 Millionen Dollar verurteilt.

Andere Beispiele sind Mittel wie Schlankheitspillen wie Redux und Pondimin, das epilepsi-Medikament Neurontin, das Antibiotimun Ketek oder das Diabetesmittl Avandia, bei denen die Studien falsch dargestellt wurden.

Der Mediziner fordern ein Umdenken in dem System. Die Art, wie Medikamente produziert, vermarktet und überwacht werden, ist gescheitert.

—rd—