December 17, 2018

Wer hat sich noch nie über die überteuerten 70 Cent-Toiletten-Tarife von Sanifair geärgert, vor allem die Familien, die längere Stecken fahren. Nicht nur das: 70 Prozent der Deutschen finden Autobahnraststätten zu teuer, das ergab eine Meinungsumfrage von YouGov. Die Toilettengebühren von 70 Cent halten vier von fünf Befragte für zuviel.

Tank & Rast

Die Autobahn Tank & Rast GmbH ist ein Unternehmen, das bis auf wenige Ausnahmen alle Autobahnraststätten und deren Tankstellen in Deutschland verpachtet, betreibt und verwaltet.

Tank & Rast wurde 1994 gegründet. Vorgänger waren die ehemaligen bundeseigenen Gesellschaften Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen (GfN, gegründet 1951) sowie die Ostdeutsche Autobahntankstellengesellschaft mbH (OATG).

Im Jahr 1998 erfolgte die Privatisierung. Verantwortlich für den Verkauf an die Lufthansa (30,6 Prozent) und Private-Equity-Unternehmen, namentlich Apax Fonds sowie die Allianz-Tochter Allianz Capital Partners, zeichnete der damalige Verkehrsminister Matthias Wissmann (CDU). Der Erlös betrug 1,2 Milliarden DM. Der Privatisierungsvertrag wurde nach monatelangen Verhandlungen am 29. Oktober 1998 in Köln unterzeichnet, nur zwei Tage nach der Vereidigung von Franz Müntefering (SPD) als Verkehrsminister. Dennoch hielt sich lange Zeit das Gerücht, Müntefering und die rot-grüne Bundesregierung hätten die Privatisierung vorangetrieben.

Von Ende 2004 bis Juni 2007 war das britische Private-Equity-Unternehmen Terra Firma Capital Partners alleiniger Eigentümer von Tank & Rast. 2004 hatte das Unternehmen Tank & Rast für ca. 1,1 Milliarden Euro übernommen.

Im April 2007 wurde bekannt, dass Terra Firma die Tank & Rast wieder verkaufen wolle. Im Juni 2007 kaufte der Infrastrukturfond RREEF der Deutschen Bank für 1,2 Milliarden Euro 50 Prozent von Tank & Rast. Für die anderen 50 Prozent ist weiterhin das Unternehmen Terra Firma Capital Partners verantwortlich.

Nach Abschluss einer 2004 begonnenen Pilotphase baute Tank & Rast 2007 die Raststätten-Marke Serways auf 80 Standorte aus. 2009 waren von den 390 Tank-&-Rast-Standorten 170 Serways-Filialen.

Im Jahr 2009 verkaufte die Metro AG den Tank- und Raststättenbetreiber AXXE an die Autobahn Tank & Rast GmbH. Im Januar 2011 erweiterte das Unternehmen seinen Geschäftsbereich mit der Eröffnung des ersten Autohofs in Rheda-Wiedenbrück an der A 2. In die Ausstattung des Autohofs wurden rund 1,5 Millionen Euro investiert.

Im August 2015 wurde bekannt, dass ein Konsortium um Allianz Capital Partners Tank & Rast für 3,5 Mrd. Euro von den bisherigen Eigentümern Terra Firma Capital Partners und dem Infrastrukturfonds RREEF der Deutschen Bank erwerben wird. Zum Käuferkonsortium gehören neben der Allianz Capital Partners auch die Münchener-Rück-Tochter MEAG, die Abu Dhabi Investment Authority (Abu Dhabi Staatsfonds) und der kanadische Infrastrukturfonds Borealis Infrastructure.

Tank & Rast hat heute einen Konzernumsatz von 506 Millionen Euro (2014).

Mit 410 Rastanlagen, 360 Tankstellen und 50 Hotels ist Tank & Rast die größte Dienstleistungsgesellschaft dieser Art Deutschlands. Sie verfügt über 90 % Prozent der Konzessionen für Nebenbetriebe an den Autobahnen.

"Für die zum Zeitpunkt der Privatisierung der bundeseigenen Autobahn Tank & Rast AG im Jahre 1998 bestehenden Servicebetriebe haben die Inhaber des Betriebsrechtes die Konzessionen erhalten. Der Großteil der Konzessionen liegt daher in Händen der heutigen Autobahn Tank & Rast Holding GmbH und ihrer operativen Tochter Autobahn Tank & Rast GmbH & Co. KG (Tank & Rast)." Stand 2004

Sanifair — Das Geschäft mit dem Geschäft

Sanifair ist ein Franchise-Unternehmen und 100 % Tochtergesellschaft der Tank & Rast und wurde 2003 eingeführt.

Es wird eine Toilettenbenutzungsgebühr von 70 Cent erhoben (im Hannoveraner und im Dortmunder Hauptbahnhof 1 Euro), von denen nur 50 Cent auf Käufe bei teilnehmenden Tank & Rast Unternehmen angerechnet werden. Ausgenommen sind z. B. Kraftstoffe, Zeitschriften, Alkohol und Zigaretten.

Sanifair ist an ca. 300 Autobahn-Rastanlagen in sämtlichen Bundesländern außer Berlin und Bremen (das Bundesland Bremen hat keine Autobahnraststätten) vorhanden. Sanifair-Toiletten finden Autofahrer auch an einigen Standorten der Tank- und Raststätten der Marke AXXE.

Sanifair betreibt eine aggresive Expansionsstrategie. Seit 2008 gibt es die erste Sanifair-Toilettenanlage in einem Einkaufszentrum. Im Jahr 2010 öffnete eine Sanifair-Toilettenanlage im Hauptbahnhof Hannover, 2011 wurde in Bremen Hauptbahnhof eine Sanifair-Anlage eröffnet und 2013 im Oldenburger Hauptbahnhof. Weitere Standorte gibt es inzwischen auch in einigen Filialen von McDonald's, an einigen Tankstellen der Kette OMV sowie in der Leverkusener Rathausgalerie, am Euro-Rastpark in Schweitenkirchen, in unmittelbarer Nähe zum Hannoveraner Hauptbahnhof in der Ernst-August-Galerie sowie in den Schlossarkaden in Braunschweig, den Schlosshöfen in Oldenburg und im Stern-Center Potsdam. Diese Systeme laufen jeweils untereinander und getrennt vom bisherigen Tank & Rast-System, d.h. Gutscheine können nur vor Ort und somit nicht an den Tank & Rast-Raststätten oder an den alternativen Standorten eingelöst werden.

Auch im Ausland gibt es seit 2008 mit jeweils einem Standort in Österreich (McDonald's in Salzburg) und Ungarn (OMV in Karácsond) erste Toilettenanlagen der Tank & Rast-Tochtergesellschaft. Sowohl bei diesen als auch den übrigen Standorten außerhalb des Tank & Rast-Netzes handelt es sich um ein Pilotprojekt.

Genaue Zahlen, wieviel sanifair mit ihren hunderten Toilettenanlagen verdient, gibt es nicht. Das Unternehmen macht aus dem kleinen Geschäft ein großes Geheimnis. Es sind Millionen von Euro.

Nach Recherchen einer Zeitung "Welt" lassen etwa 20 Prozent den Gutschein verfallen. Jährlich benutzen 133 Millionen Besucher die Toiletten. Weil jeder Toilettengang 70 Cent kostet, ergibt das Geschäft mit dem Geschäft einen Gewinn von etwa 91 Millionen Euro — pro Jahr.

Mittlerweile behält Sanifair 20 Cent pro Toilettengang selbst. Hoch gerechnet sind das rund 26,6 Millionen Euro. 2014 betrieb Sanifair laut Tank & Rast Geschäftsbericht 450 Toilettenanlagen. Das macht einen Umsatz von fast 60.000 Euro pro Standort. Wieviel Reingewinn das Unternehmen abzüglich Wartung, Personal und Reinigung macht, ist nicht bekannt.

Im Geschäftsbericht 2012 wies der Tank & Rast Muttergesellschaft Deutsche Raststättengruppe GmbH für Sanifair einen Umsatz von 27,9 Millionen Euro aus.

Rund 140 Firmen sind mittlerweile Franchise-Partner. Für die Lizenz verlangt die Toilettenkette laut einer Infobroschüre eine Einstiegsgebühr von 15.000 Euro. Hinzu kommt eine nicht näher genannte Lizenzgebühr, die auf dem Umsatz erhoben wird. Außerdem zeigen Foreneinträge und Infobroschüren im Netz, dass Franchise-Partner für eine Sanitäranlage zwischen 250.000 und einer halben Million Euro kalkulieren müssen.

Mittlerweile verlangen auch viele Autohöfe Geld für den Toilettengang, meist 50 Cent. Der Verband der Autohöfe meint auch, das der Gutschein voll angerechnet werde und zudem die Waren deutlich günstiger seien wie an einer Autobahn-Raststätte. Allerdings gibt es im Internet bereits Berichte, wonach einige Autohof-Betreiber mittlerweile auch nicht mehr den vollen Gutschein anrechnen.

Nach eigenen Angaben seien angeblich 80 Millionen Euro in die "Sanifair" Anlagen investiert worden (Stand 2012). Zahlen, die nur schwerlich zu überprüfen sind.

Kritik an Tank & Rast

Das "Team Wallraff" von RTL deckte 2016 gravierende Missstände bei Tank & Rast auf — und profitiert immer noch von Staatsgeld. Seit einiger Zeit kauft Tank & Rast auch Autohöfe abseits der Autobahn auf und betreibt sie unter dem Namen "Rosi's".

25 Prozent ihres Umsatzes müssen Pächter laut RTL an den Konzern abführen. Tank & Rast hat angekündigt, das Franchisemodell 2017 zu ver&aul;ndern und die Pächter noch enger an die Leite zu nehmen, um Qualitätsstandarts zu gewährleisten.

Das schlimme an allem ist, das der Staat Tank & Rast praktisch ein Quasi-Monopol übergeben hat ohne nennenwerte Konkurrenz. Schlimmer noch, der Staat steck richtig Steuergelder in die Infrastruktur, denn Tank &: Rast baut nur die Gebäude und das unmittelbare Drumherum, den Rest bezahlt der Staat.

Alleine 2016 flossen so 130 Millionen Euro Steuergelder in den Bau von Rastanlagen. Tank & Rast zahlt im Gegenzug rund drei Prozent des Umsatzes als Konzession an den Bund. 2014 erhielt der Staat dadurch gerade einmal 15 Millionen Euro.

Im Privatisierungsvertrag von 1998 heißt es: "Tank & Rast wird sich bemühen, die unentgeltliche Benutzung von sanitären Einrichtungen ganzjährig durchgehend sicherzustelen". Dass seit einigen Jahren bezahlt werden muss, erklärt die Tank & Rast GmbH mit dem Hinweis, dass dies nur eine "Bemühungsklausel" sei. Weiter teilt das Unternehmen mit: "... bereits zum Zeitpunkt der Privatisierung war allen Beteiligten klar, dass der erhebliche Modernisierungs- und Investitionsbedarf im Sanitärbereich eine dauerhafte unentgeltliche Nutzung der Toilettenanlagen unmöglich machen würde."

Parteispenden an Privatsierer CDU und SPD

Der größte europäische Versicherer Allianz hat insgesamt 250.000 Euro an fünf Parteien im Deutschen Bundestag gespendet. CDU, CSU, SPD, FDP und GRUENE erhielten 2011 jeweils 50.001 Euro. Die LINKE gingen leer aus.

Zwischen Regensburg und Hof: Neubau trotz 4 Autohöfe auf 70 Kilometer

Bayern. Die Vereinigung Deutscher Autohöfe (VEDA) ging 2013 auf die Barrikaden, als bekannt wurde, das vier bayrischen Autohöfen der Kragen platzte, weil Bayern nun überflüssige Raststätten-Neubauten planen, obwohl es vier Autohöfe auf 70 Kilometer gebe. Verantwortlich dafür zeichnete der umstrittene Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU).

Vier Autohöfe an der Autobahn A93 zwischen Regensburg und Hof gingen 2013 gegen den weiteren Neubau zweier Autobahn-Raststätten Waldnaabtal auf die Barrikaden. Genau dieser Streckenabschnitt ist bereits deutlich überversorgt. Auf nur 70 Kilometer stehen vier große Autohöfe zur Verfügung, das heißt alle 25 km ein Autohof.

Diskriminierung von Autohöfen

Im Sommer 2015 klagte der Verband der Autohölfe für ein Hinweisschild für einen neuen Autohof. Das vorhandene Schild besage nur, das die nächste Raststätte 100 Kilometer weiter sei. Dabei liegt der nächste Autohof nur drei Kilometer weiter.

Kein Verkauf über den Zaun auf Autobahn Rastplatz

Rodaborn (Thüringen). Im Sommer 2017 ging der Streit über Bratwurst-Verkauf an der A9-Raststätte in Thüringen durch die Presse. Es ging um Deutschlands erster Autobahnraststätte in Thüringen. Die Betreiberin hatte die Raststätte mit abgelaufener Konzession gekauft. Danach verkauft Sie Bratwürste über den Zaun an Kunden auf dem Autobahn Rastplatz. "Wir haben Frau Wagner gebeten, das zu unterlassen", meint der Präsident des Landesamtes für Bau und Verkehr, Markus Brämer. Wenn sie dem nicht nachkomme, werde demnächst das angedrohte Zwangsgeld festgesetzt.

Vor Gericht hatte die Besitzerin der ehemaligen Raststätte hinter der Absprerrung verloren. Sie darf nicht mehr von einer Leiter aus über den Zaun hinweg verkaufen. Das Verwaltungsgericht Gera hatte ein vom Landesamt verlassenes Verbot für rechtens erklärt und Wagners Klage dagegen abgewiesen. Die Richter stellten fest, dass keine Erlaubnis für die "straßenrechtliche Sondernutzung" vorliege. Das Oberverwaltungsgericht in Weimar bestätigte das Urteil (Urteil vom 22.05.2017 - 1 ZKO 468/16).

Das Landesamt verteidigt das Vorgehen seiner Behörde. Die Konzession der Raststätte sei 2004 erloschen, und es gebe eine Weisung des Bundes, den Imbissvrkauf in Rodaborn zu unterbinden. "Die Familie Wagner kann das Haus als Waldgaststätte für Ausflügler betreiben, aber ein Verkauf an Nutzer des Autobahnparkplatzes ist nicht gestattet. Das sei kein böser Wille von uns, sondern Recht und Gesetz.".

Die Zaun-Rebellin, die das Gebäude 2009 gekauft hatte, verkauft weiter Kaffee und Bratwürste an Autofahrer. Das vom Landesamt in Aussicht gestellte Zwangsgeld werde sie "auf keinen Fall" bezahlen.

Mittlerweile hat das Landesamt ein Zwangsgeld in Höhe von 2.000 Euro verhängt.

Unternehmen verdienen mit LKW-Maut

Die Privatisierung der Autobahn-Raststätten waren erst der Anfang. Mit der Einführung der LKW-Maut verdienten sich Konzerne Millionen. Und schon hat die Bundesregierung neue Pläne vor: Die Privatisierung von Teil-Autobahnen.

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